Gott ist tot: Religionskritik in Final Fantasy X

Der folgende Artikel enthält viele Spoiler zu „Final Fantasy X“. Falls ihr es noch spielen wollt, solltet ihr nicht weiterlesen.

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Vorwort

Ursprünglich hatte ich vor, einen Rückblick über „Final Fantasy X“ zu schreiben, in dem ich darauf eingehen wollte, weshalb „Final Fantasy X“ in meinen Augen eines der besten PlayStation-2-Spiele, sowie einer der besten Final-Fantasy-Teile ist. Vor kurzem fand in meiner Twitter-Timeline eine Diskussion über Politik in Videospielen statt. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um diese auf Religion – am Beispiel „Final Fantasy X“ – auszuweiten. Dabei fiel mir auf, dass es mir deutlich leichter fällt, allein über dieses Thema zu schreiben, zumal ein großer Fokus des Rückblicks genau darauf liegen sollte. Deshalb möchte ich in den folgenden Zeilen darauf eingehen, inwiefern in „Final Fantasy X“ Religionskritik ausgeübt wird, beziehungsweise welche religiösen Thematiken und Symbole aufgegriffen wurden.

Sin

Sin ist das zentrale Element der Handlung in „Final Fantasy X“. Während des großen Maschina-Krieges, der 1000 Jahre vor der eigentlichen Handlung des Spiels stattfand, kämpften die beiden Städte Zanarkand und Bevelle gegeneinander. Während Bevelle auf die Maschina setzte, verteidigten Beschwörer mit ihrer Magie Zanarkand. Als klar wurde, dass Zarnarkand dem Untergang bevorstand, versammelte Yu Yevon, das Oberhaupt der Stadt, die überlebenden Bürger, um diese in Fayth zu verwandeln. Somit konnte er, auf Basis der Erinnerungen der Fayth, eine spektrale Version von Zanarkand erschaffen und die Stadt an einen abgelegenen, sicheren Ort verfrachten. Währenddessen kreierte er Sin als eine Rüstung, um sich während der Beschwörung des spektralen Zanarkands zu schützen.

Den Überlieferungen des NPC Maechen kann Folgendes entnommen werden:

There is a legend, you know.
Just before the horrible Sin appeared… a terrible war raged between Bevelle and Zanarkand.
When the armies of Bevelle attacked Mount Gagazet, they heard a song echoing across the snowy slopes.
“Tis a song from an otherworld,” they said. The soldiers panicked and ran.
And then, as if to pursue the retreating armies, Sin appeared!
Some time later, scouts from Bevelle braved the mountain.
On the other side, they witnessed the ruins that had been Zanarkand.
The city destroyed. Not a single soul left standing. Gone!

Es wird recht schnell klar, dass Yevon Sin nicht als letzte Rettung, sondern als Präventivmaßnahme beschwor. Zanarkand wurde durch Yevons eigene Schöpfung und nicht durch Bevelle vernichtet. Als die Truppen Bevelles auf Mt. Gagazet ankamen, erblickten sie die Ruinen der Stadt und Sin selbst. Sie ergriffen die Flucht.

Sins Hauptaufgaben bestanden darin, das spektrale Zanarkand zu schützen und jede Stadt zu vernichten, die zu stärk wächst, beziehungsweise sich fortschrittlicher Technologie – den Maschina – bedient. Die Kontrolle über Sin zu behalten, überstieg Yevons Fähigkeiten, weswegen er in seiner selbstgeschaffenen Rüstung „zerfiel“. Seitdem vernichtet Sin – ausschließlich instinktgesteuert – sämtliche Gegenden, die Maschina nutzen. Sins Äußeres weist Ähnlichkeiten mit dem in der jüdisch-christlichen Mythologie beschriebenen Leviathan auf. Dieser ist ein nahezu unbesiegbares Meereswesen.

Was die Namensherkunft betrifft, habe ich zwei Möglichkeiten:

  1. Yevon gab sich den aus der Bibel bekannten Todsünden hin, in erster Linie Zorn und Gier. Sin wäre somit das Produkt der Sünde.

  2. Sin, wie „es“ im Spiel verkommt, ist die Verkörperung des ebenfalls aus der Bibel – um genau zu sein aus dem Buch Genesis – bekannten, Sündenfalls. Nach ihrer Schöpfung widersetzten sich Adam und Eva Gott, indem sie einen Apfel vom Baum des Lebens aßen, wodurch die Sünde, sowie der Tod, als Folge der Ausweisung aus dem Paradies, auf die Welt losgelassen wurden. Auch wenn es Tod in Spira schon vor Sin gab, so existierte der omnipräsente Kreislauf des Todes erst nach der Entstehung der Sünde, sprich nach der Entstehung Sins.

Die Hohe Beschwörung und das Martyrium

Die Tochter Yevons, Lady Yunalesca, war die erste, der es gelang, Sin mit Hilfe der Hohen Beschwörung zu besiegen. Ihr Mann Zaon, mit welchem sie vor der Vernichtung Zanakrands flüchtete, opferte sich, um als für die Technik notwendige Aeon zu dienen. Da der Tod des Beschwörers nach erfolgreicher Durchführung der Hohen Beschwörung unausweichlich ist, verstarb Yunalesca nach Sins Zerstörung.

Sie verblieb als Leiblose im Tempel Zanarkands, um künftigen Beschwörern, inklusive ihrer Garde, in die Kunst der Hohen Beschwörung einzuführen.

Das Problem der Hohen Beschwörung ist, dass Sin bis zum Ende des Spiels niemals endgültig besiegt werden konnte. Er wurde lediglich zeitweise aufgehalten. Die Al Bhed, ein aufgrund von Maschina-Nutzung vom Orden Yevons verstoßenes Volk, üben spielintern Kritik an dieser Praktik, da sämtliche Opfer, Beschwörer und Fayth betreffend, bisher umsonst waren.

Auch in der Heldentruppe wird die Beschwörung kritisch betrachtet. Während Tidus und Rikku, ebenfalls eine Al Bhed, nicht einsehen wollen, dass sich Yuna opfern muss, nur damit Sin nach einer bestimmten Zeit wiederkehrt, war bereits Auron während seiner gemeinsamen Zeit mit Jecht, Tidus Vater, als Leibgarde Braskas, Yunas Vater und Beschwörer, strikt dagegen. Letzten Endes musste er mit ansehen, wie Braska und Jecht, als dessen Hohe Beschwörung, umsonst ihr Leben ließen.

Die Hohe Beschwörung kann mit dem Martyrium gleichgesetzt werden. Märtyrer sind Menschen, die als Glaubensbekenntnis bereitwillig leiden, beziehungsweise in den Tod gehen. Seit der Entstehung Sins waren Beschwörer, inklusive Yunalesca, dazu bereit, freiwillig zu sterben. Dieser Wille geht auf das Bedürfnis, die Bevölkerung Spiras zu schützen und vor allem ihre religiöse Überzeugung zurück. Hierbei bildet Yunalesca jedoch die Ausnahme, da die Religion Yevons erst nach ihr “populär” wurde. Nichtsdestotrotz opferte sie sich. Unter den Beschwörern wird die Hohe Beschwörung als “non plus ultra” angesehen. Für sie ist es eine Ehre und Notwendigkeit – trotz der schwerwiegenden Folgen für sich selbst.

Der Kreislauf des Todes

Das wohl präsenteste – durch Sin hervorgerufene – Element des Spiels stellt der Kreislauf des Todes dar. Dieser läuft in drei Phasen ab:

  1. Sin lebt und tötet die Bewohner Spiras

  2. Ein Beschwörer opfert sich freiwillig, Sin stirbt ebenfalls

  3. Die Zeit des Friedens kehrt ein, bis Sin regeneriert ist; der Kreislauf wiederholt sich

Spiras Gläubige betrachten Yevon als ihren Retter, wobei Yevon jedoch Sin, Spiras Fluch, ist. Die Menschen selbst erschufen den Kreislauf, die Menschen erhalten ihn.

Das Durchbrechen des Kreislaufs

Wie bereits erwähnt, wurde innerhalb der Heldentruppe Kritik gegenüber der Hohen Beschwörung geäußert, primär wegen ihres hohen Preises im Vergleich zur verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit der permanenten Zerstörung Sins. Letzten Endes haben sie beschlossen, dass Yuna die Technik nicht lernen wird, was zu einer Auseinandersetzung mit Yunalesca führte, die in ihrem Tod endete. Somit war es nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für künftige Generationen unmöglich, die Hohe Beschwörung zu erlangen.

Dieses Verhalten weist Parallelen zur Religionskritik des französischen Existenzialisten und Philosophen Albert Camus auf. Er vertrat die Ansicht, dass Menschen, insofern sie an einen Gott glauben, dazu neigen, sich selbst zu unterschätzen und zu vernachlässigen. Das heißt im Klartext: Werden Gläubige mit schwierigen oder unangenehmen Situationen konfrontiert, so geben sie sie an ihren Gott weiter, in der Hoffnung, dass er alles regelt. Sie machen selbst nichts, obwohl sie in der Lage dazu wären, etwas zu tun.

Die Bürger Spiras, insbesondere die Beschwörer, beugten sich über Jahrhunderte hinweg dem Willen Yevons. Sie opferten sich freiwillig, in der Hoffnung, dass sich Yevon gnädig zeigt und Sin nicht mehr wiederkehrt. Erst Tidus, Yuna und Co. widersetzten sich der Tradition und schafften es, aus eigener Kraft und mit eigenem Willen den Kreislauf zu durchbrechen.

Dabei ist besonders erwähnenswert, dass sie, um Sin vor dem Kampf zu schwächen, die verbotenen Maschina benutzten. Die Erlösung Spiras konnte somit durch Maßnahmen erreicht werden, die von der Religion Yevons niemals vorgesehen war. Einerseits haben wir hier ein Musterbeispiel für die Ausnutzung des guten Glaubens, andererseits für die Notwendigkeit des freien Denkens.

Apropos ausnutzen: Vor dem Kampf vertraute Yunalesca unseren Protagonist*innen an, dass die Hohe Beschwörung gar nicht dazu dienen sollte, Sin endgültig zu vernichten. Damit die Bürger Spiras weiterhin an ihrem Glauben festhalten, musste Sin wiederkehren. In Zeiten dieser Krise richteten die Gläubigen mehr Gebete an Yevon, vertrauten sich ihm mehr an. Durch Sin als Konstante ist gewährt, dass diese Religionstreue nie abreißt. Das Fortbestehen der Religion wird ausschließlich durch Lügen, beziehungsweise dem Verschweigen der Wahrheit ermöglicht.

Der Orden Yevons (beziehungsweise die auf Yevon basierende Religion) besitzt Einflüsse verschiedener Weltreligionen, so zum Beispiel vom Christentum (hierarchische Struktur), Islam (Pilgerreise), Buddhismus (Ikonographie) oder dem Shintoismus (Praktiken und Tempel). Die wichtigsten Ämter innerhalb des Ordens werden von den so genannten Maestern bekleidet. Diese sind:

  • Seymour Guado, Minister für Geistliches
  • Kelk Ronso, Minister für Ziviles
  • Wen Kinoc, Minister für Militärisches

Die Positionen dieser drei Personen gleichen den Kardinälen der katholischen Kirche. Das Oberhaupt des Ordens stellt Grand Maester Mika dar. Er ist das Äquivalent zum Papst. Die Religion Yevons heißt jeden willkommen, der bereitwillig die folgenden Leitsätze akzeptiert:

  • Die Benutzung von Maschina ist strengstens untersagt
  • Sin kann erst dann endgültig ausgelöscht werden, wenn die Gläubigen für ihre Sünden büßen
  • Stirbt eine Person, so ist es die Pflicht eines Beschwörers, ein Sending durchzuführen, sodass die Seele des Gestorbenen in die Farplane geleitet wird

Widersetzt man sich diesen Regeln, oder ist kein Angehöriger der Religion, so gilt man in Spira als ausgegrenzt. Diese Ausgrenzung trifft nur auf eine Bevölkerungsgruppe zu: Die Al Bhed. Wie bereits angesprochen, sehen sie nicht ein, dass Beschwörer für nichts in den Tod gehen und bedienen sich der Maschina.

Antipathie gegenüber Personen anderer Konfessionen war bereits in der Bibel oder dem Koran vorzufinden. Hier einige Auszüge:

  • Bibel: “Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen! ” – Psalm 139,19 Denn es entspricht der Gerechtigkeit Gottes […] Dann übt er Vergeltung an denen, die Gott nicht kennen und dem Evangelium Jesu, unseres Herrn, nicht gehorchen.” – 2. Thessalonicher 1,8
  • Koran: Und erschlagt sie (die Ungläubigen), wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wannen sie euch vertrieben; denn Verführung [zum Unglauben] ist schlimmer als Totschlag. …” – Sure 2, Vers 191 – „ … Wahrlich in die Herzen der Ungläubigen werfe ich Schrecken. So haut ein auf ihre Hälse und haut ihnen jeden Finger ab.“ – Sure 8, Vers 12

Schlusswort

Final Fantasy X zeigt auf sehr intelligente und subtile Weise, welche Missstände auch, beziehungsweise immer noch, heutzutage in Religionen vorherrschen. Dabei wird besonders verdeutlicht, wie wichtig selbstständiges Handeln und Denken für die Freiheit des Individuums sind. Selbstverständlich waren das nicht alle Beispiele für die Religionskritik des Spiels. Ich habe mir lediglich die rausgesucht, die am präsentesten sind. Auch Themen wie Korruption, Verblendung oder Fanatismus werden angeschnitten. Nach dem Abspann hinterlässt uns Final Fantasy X mit einer Botschaft:

„Der Welt, zumindest Spira, geht es besser ohne ihren Gott. Ohne ihre radikale Religion. Ohne ideelle Restriktionen.“

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