[Review] Until Dawn

Until-Dawn-Cover

Entwickler: Supermassive Games
Publisher: Sony Computer Entertainment
Plattform: PlayStation 4
Release: 26.08.2015
Das Spiel wurde uns vom Publisher zur Verfügung gestellt.

Gebannt und regungslos sitze ich vor dem Bildschirm. Krampfhaft umklammern die schweißgebadeten Hände den Controller. Wenn ich mich jetzt bewege, dann wird der Killer wissen, wo ich bin, und ich will gar nicht wissen, was das für die arme halbnackte Teenagerin bedeutet, die da gerade ängstlich unter dem Bett kauert. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege: natürlich will ich es wissen! Schließlich bin ich ganz allein für ihr Schicksal verantwortlich und weigere mich, sie den typischen Teenie-Slasher-Tod sterben zu lassen. Willkommen bei Until Dawn, dem spielbaren Horror-Film für zu Hause.

Vor einigen Jahren noch als Move-Titel für die PlayStation 3 angekündigt, hat es Until Dawn nun endlich auf die PS4 geschafft und lehrt der Welt das Gruseln. Die Geschichte könnte klischeehafter nicht sein, denn nach dem mysteriösen Verschwinden ihrer Freunde Beth und Hannah versammelt sich eine Clique liebesfreudiger Teenager erneut am Ort des Verschwindens – einer Skihütte auf einem einsamen Berg. Dies geschieht natürlich zum Jahrestag des tragischen Vorfalls und selbstverständlich mit der Information versorgt, dass irgendwo dort draußen vermutlich ein irrer Killer herumrennt, der nie geschnappt wurde. So weit, so voller Klischees aus der Teenie-Horror-Kiste, dass einem fast übel wird. Aber genau das ist das Prinzip von Until Dawn und genau deshalb lässt es das Herz eines jeden Horror-Fans höher schlagen.

Schon bald nach ihrer Ankunft in der Hütte nehmen seltsame Dinge ihren Lauf und die acht Teenager haben von nun an Mühe und Not, bis zum Morgengrauen – until dawn – zu überleben. Im Laufe dieser nervenaufreibenden Nacht habe ich als Spieler die Möglichkeit, abwechselnd in die Haut der verschiedenen Teenies zu schlüpfen und von nun an liegt es ganz allein in meiner Hand, ob sie das Morgengrauen erleben oder eben nicht. Dabei ist das Spiel in Episoden aufgeteilt, zwischen denen ich in Ego-Perspektive einen sehr abgefahrenen Psychiater besuchen darf, der mich unter anderem nach meinen Ängsten fragt. Wie sich das ins Spiel einfügt, erschließt sich einem erst nach und nach, aber es sorgt schon von Anfang an dafür, dass man sich herrlich unwohl fühlt.

Until Dawn Bathroom

Wie in einem interaktiven Film gibt es für mich nun viele Szenen zu sehen, in denen ich oft rudimentäre Entscheidungen zu treffen habe. Gehe ich nach links oder gehe ich nach rechts? Werfe ich den Schneeball oder lasse ich es sein? Das hört sich alles unglaublich trivial an und man kann sich kaum vorstellen, dass ein geworfener Schneeball irgendeine Auswirkung haben sollte, aber da kommt das wichtigste Element des Spiels zum Zug: der Butterfly-Effekt. Dieser geworfene Schneeball kann nämlich dafür sorgen, dass sich die Beziehung der betroffenen Charaktere entscheidend verändert und vielleicht später sogar dazu führt, dass einer von beiden das Morgengrauen nicht erlebt. Der Butterfly-Effekt sorgt dafür, dass man jeden seiner Schritte und jede Handlung möglichst zwei Mal überdenkt, falls überhaupt die Zeit dazu bleibt. Und manchmal ist es vielleicht sogar die beste Option, einfach gar nichts zu drücken. Ob alle Teenies überleben, ob sie alle sterben oder ob am Morgen nur ein kleines Häufchen elend zugerichteter Gestalten übrig bleibt, das hängt alles von meinen Entscheidungen ab. Und ja, auch Schneebälle können verheerende Auswirkungen haben!

Im Prinzip besteht Until Dawn also aus jeder Menge Zwischensequenzen, Entscheidungen, die teilweise unter Zeitdruck zu fällen sind und einigen Quick-Time-Events. Der größte Kritikpunkt ist daher auch, dass man als Spieler recht wenig zu tun bekommt. Andererseits weiß das Spiel eine so unglaublich dichte und spannende Atmosphäre zu erzeugen, dass man gar keine Zeit hat, sich darüber zu beschweren. Egal, ob ich die dunkle Hütte erkunde oder vor einer unsichtbaren Bedrohung davonlaufe, die ich noch nicht einschätzen kann, Until Dawn weiß in jeder Sekunde zu fesseln. Und auch wenn der Horror größtenteils auf Jump-Scares basiert, die Gänsehaut kommt dank der dichten Atmosphäre einfach nicht zu kurz. Ohne den Twist gegen Mitte des Spieles zu verraten, muss ich jedoch gestehen, dass mir der erste Teil vom Grusel her besser gefallen hat, aber das kommt auch ganz darauf an, welche Art Horror man bevorzugt. Es ist jedenfalls so, dass das Spiel für jeden Geschmack die richtigen Ansprüche bedient, egal ob unsichtbare Bedrohung oder jede Menge Blut und brutale Tode, da ist für jeden Horror-Fan was dabei und die Anspielungen auf entsprechende Filme kommen ebenfalls nicht zu kurz.

Neben der äußerst klischeehaften Geschichte bekommen wir es auch mit einer Teenager-Clique zu tun, die aus derselben Kiste stammt. Vom machohaften Football-Spieler bis zum dummen Blondchen werden alle Klischees abgedeckt, die in einem gängigen Teenie-Slasher so vorkommen. Eine Beziehung zu den Charakteren aufzubauen, ist daher gar nicht so einfach, denn wenn die nervige Zicke endlich in den Abgrund stürzt, bedeutet das auch ein Stück weit Ruhe für den Spieler. Aber es ist genau so gewollt, denn im Laufe des Spieles beginnt man sich seine Gedanken zu machen. Ist der Athlet wirklich nur ein einfältiger Macho oder schlummert ein tapferer, loyaler Freund in ihm? Ist die oberflächliche Zicke tatsächlich so strunzdumm oder verhält sie sich nur so, um ihre eigene Unsicherheit zu überspielen?

Neben der großartigen Grafik von Until Dawn tragen auch die Schauspieler enorm dazu bei, dass man voll und ganz von diesem Spiel eingesaugt wird. Bekannte Namen wie Hayden Panettiere oder Peter Stormare sorgen dafür, dass man die Emotionen förmlich von den Polygon-Gesichtern ablesen kann und all ihre Regungen sind so lebensecht, dass gerade ihre Angst nahezu perfekt auf den Spieler überspringt. Die deutsche Vertonung ist hingegen leider ziemlich misslungen, aber es besteht jederzeit die Möglichkeit, den englischen Dialog mit deutschem Untertitel anzeigen zu lassen, denn im Original bleibt einfach viel mehr Atmosphäre erhalten.

Until Dawn Sägeblatt

Und wenn mein gespielter Teenager einmal einen grausamen Tod gestorben ist, dann bleibt das auch so. Kein Laden des Speicherstands, kein neuer Versuch. Wer tot ist, bleibt tot, und ich spiele einfach mit dem nächsten Teenie weiter. Während meiner Überlebens-Odyssee kann ich nicht nur verschiedene sammelbare Hinweise finden, sondern auch Totems, die je nach Farbe beispielsweise einen bevorstehenden Tod oder eine nahende Gefahr offenbaren. Je nachdem kann ich versuchen meine Spielweise anzupassen, aber es ist nicht gesagt, dass der Herr mit der Sense nicht auf andere Art und Weise zuschlägt. Mit all diesen unglaublich vielen Möglichkeiten der Kombination und des Butterfly-Effektes gibt es für Until Dawn schließlich zig verschiedene Enden. Wie würde das Spiel enden, wenn ich mich an jender Stelle anders entschieden hätte? Wie schaffe ich es, dass alle überleben? Obwohl man nach einem Durchgang die Kniffe der Geschichte zu kennen glaubt, bietet Until Dawn einen enorm hohen Reiz zum erneuten Durchspielen, denn wer weiß, was passiert wäre, wenn ich den Schneeball liegen gelassen hätte.

Until Dawn mag auf den ersten Blick mit seiner klischeehaften Geschichte und den trashigen Elementen etwas abschreckend wirken, aber unter dieser so gewollten Maske befindet sich ein unglaublich atmosphärisches und spannendes Horror-Spiel, das ich nur jedem ans Herz legen kann, der auch nur ansatzweise Lust hat, sich mal wieder ordentlich zu gruseln.