Gute Nacht, Tim! – Warum ich mich von Pokémon nicht verabschiede

Artikel schreibe ich für gewöhnlich, wenn ich glaube, dass ich etwas zu sagen habe, was auch andere interessieren könnte. Ansonsten verbringe ich meine (Frei-)Zeit mit anderen Dingen, die mir Spaß machen. Pokémon spielen zum Beispiel.

Nostalgie-Bla

Auch von mir gibt es die unumgängliche Nostalgie vorweg: Meine Reise begann mit der blauen Edition auf dem Backstein von Gameboy. Das Spiel bekam ich zum Geburtstag von meiner Tante, die selbst die Rote Edition besaß und mir – als einziger in der Familie – zutraute, die wichtige Aufgabe (ihr die ganzen editionsspezifischen Pokémon zu fangen und zu tauschen) zu erfüllen. Obwohl ich nahezu unzählige Stunden mit den Spielen Blau und Gelb, sowie den Nintendo-64 Spin-Offs Pokémon Stadium und Pokémon Snap zugebracht habe und wirklich sehr viel Freude daran hatte, folgte lange nichts. Die folgenden Generationen liefen so an mir vorbei. Zur Zeit der 5. Generation (Schwarz und Weiß) fing ich kurzzeitig an die 4. Generation zu spielen. Dabei hatte ich besonders viel Freude an HeartGold, wo mir meine Pokémon hinterherlaufen konnten. Erst mit der 6. Generation (X und Y) ging es wieder richtig los bei mir.

Man kann also schon sagen, dass ich Fan der ersten Stunde bin, aber bei weitem kein glühender Verehrer der Spielreihe an sich um jeden Preis.

Ich habe mich oft gefragt, wieso ich den Einstieg erst wieder mit der 6. Generation gefunden habe. Lustigerweise war die Antwort darauf sowohl „Weil die Spiele immer alle so gleich sind!“ als auch „Weil sich alles verändert hat!“. Jeder, der behauptet das Spielprinzip “Hol dir die acht Orden und besiege die Top 4 plus den Champ und rette nebenbei die Welt vor dem bösen Team” sei nach der ersten Generation noch sonderlich innovativ gewesen, lehnt sich dabei ziemlich weit aus dem Fenster. Die Wahrheit ist wohl, dass sich das Franchise an dieser Stelle einfach nur treu geblieben ist, während drumherum wahnsinnig viel passiert ist. Von der Einführung neuer Typen, einer Neuorganisation des Kampfsystems, der Einführung von Wesen, Fähigkeiten, Items und natürlich neuen Pokémon bis hin zu Quests nach der Hauptstory. Es entwickeln sich also nicht nur die einzelnen Pokémon, sondern auch das Franchise selbst.

Früher war sogar die Zukunft besser!

Veränderung zu akzeptieren ist schwer. Seien es die Schulkameraden, die man plötzlich nur noch alle zehn Jahre beim Klassentreffen sieht, die Benzinpreise, die früher viel niedriger waren oder die Rechtschreibreform, die ja sowieso alles nur furchtbar kompliziert gemacht hat. Einhellige Meinung scheint überwiegend der Standpunkt “Früher war alles besser!” zu sein. Interessant ist allerdings die Ansicht, dass früher besser war, weil es schwerer war, weil es einem nicht leicht gemacht wurde und weil man sich anstrengen musste, um etwas zu erreichen. Wenn man so denkt, sollte man sich nicht nur die Frage gefallen lassen, ob man vielleicht einfach (zu) alt geworden ist, sondern man sollte sich auch mal ganz ernsthaft über diese Frage Gedanken machen.

Nur weil einem heute etwas sehr leicht fällt oder keine Herausforderung mehr darstellt, muss das nicht zwangsläufig an einfacheren Voraussetzungen liegen. Vielleicht hat einen die Erfahrung einfach nur selbst besser gemacht.

In der ersten Generation war das Spiel für alle neu. Niemand hatte einen Vor- oder Nachteil aufgrund von Vorkenntnissen aus vorhergehenden Spielen – alle mussten auf demselben Niveau beginnen. Dies war eine einmalige Situation, denn mit jeder kommenden Spielegeneration vervielfältigten sich die Möglichkeiten an unterschiedlichen (Vor-)Kenntnisständen der einzelnen Spieler. Für Spielentwickler eine echte Herausforderung, denn an sie wird der Anspruch gestellt ein Spiel zu entwickeln, das der Serie treu bleibt, diese gleichzeitig aber auch weiterentwickelt, um den alten Spielern neue Anreize zu geben und zusätzlich die Dinge nicht zu sehr verkompliziert, sodass Neulingen die Gelegenheit gegeben wird, ebenfalls in das Franchise einzusteigen. Es ist ein Eiertanz, der es wohl unmöglich macht, alle zufrieden zu stellen und doch stellt sich GameFreak dabei seit 20 Jahren sehr erfolgreich an.

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit

Sind Sonne und Mond jetzt etwa doch die besten Editionen aller Zeiten?

Das muss wohl jeder persönlich für sich entscheiden. Noch toller ist aber, dass man eigentlich gar nicht entscheiden muss, denn selbst wenn die neueste Spielegeneration nicht die bisher beste ist, bedeutet das nicht, dass es ein schlechtes Spiel ist. Absolut unabhängig davon ist zudem auch die Frage, ob man damit Spaß hat oder nicht.

Wenn mich der EP-Teiler stört, stelle ich ihn aus. Wenn ich Pokémon-Refresh nicht mag, benutze ich es nicht. Wenn ich das Gefühl habe, dass man mir zu viele Items schenkt, verkaufe ich sie oder werfe sie weg oder benutze sie ganz einfach nicht. Es ist wirklich so simpel: Wenn mir eine Funktion nicht gefällt, nutze ich sie nicht. Solange es sich dabei nicht um ein Kernprinzip des Spiels handelt, kommt man damit erstaunlich weit.

Diese Elemente machen die Spiele unwiderlegbar einfacher, aber es ist meine persönliche Entscheidung, ob ich diesen Vorteil annehme oder nicht. Selbst bei Vereinfachungen, die mir aufgezwungen werden, wie zum Beispiel das ständige Heilen, kann ich meinen Spielstil anpassen, damit ich trotzdem weiterhin Spaß und eine Herausforderung habe. Ich muss es mir nicht einfach machen lassen, aber es ist schön zu wissen, dass diese Funktionen da sind.

Ja wirklich, ich freue mich darüber. Nicht unbedingt für mich, sondern für die, die diese Funktionen brauchen und vielleicht gerade deswegen Freude an dem Spiel haben und Fans des Franchises werden. Fans, mit denen ich später darüber diskutieren kann. Mit denen ich zusammen tauschen, kämpfen und mir Teams ausdenken kann. Fans, die ein Franchise, das ich mag, unterstützen und so dazu beitragen, dass es lukrativ genug ist, um weiterzulaufen.

Wenn man erstmal an diesem Punkt der Akzeptanz angekommen ist, sollte man mutig eventuell noch einen Schritt weiterdenken. Kann es sein, dass mir die Vereinfachungen doch nicht nur mittelbar etwas bringen?

Die wiederverwendbaren TMs? – Geniale Sache! Jetzt kann ich nach dem Spielverlauf beliebig viele verschiedene Pokémon züchten und sie für meine Kampfteams zusammenstellen, ohne, dass ich eingeschränkt bin und bestimmte Attacken eben einfach nur begrenzt zur Verfügung habe.

Viele unterschiedliche legendäre Pokémon? – Meine ganz persönliche Herausforderung! Wenn ich diese kampfbereit mit perfektem Wesen und Werten haben will, muss ich eine Menge Zeit investieren und mitunter Stundenlang resetten. Legendär heißt schließlich nicht in allen Fällen super-uber-mega-stark, sondern gerne auch einfach mal, dass sie nur einmalig im Spiel vorhanden sind. Auch wenn ich diese Pokémon ohne große Herausforderung im Spiel bekommen kann, bedeutet das noch lange nicht, dass ich nicht trotzdem einige Zeit damit verbringe, sie immer und immer wieder zu fangen, bis die Werte passen.

Ein Franchise braucht Entwicklung, ansonsten gibt es keine Rechtfertigung ein neues Spiel herauszubringen. Ich möchte sogar die mutige Behauptung aufstellen, dass es Pokémon niemals zur 7. Generation geschafft hätte, wenn an der ursprünglichen Formel nichts verändert worden wäre. Diese These ist freilich genauso aus der Luft gegriffen wie das Statement, dass Abenteuer out seien. Wahr ist: Das Franchise hat sich weiterentwickelt und Abenteuer darf man manchmal auch suchen müssen. Schließlich wäre es doch langweilig, wenn man alles auf dem Silbertablett serviert bekäme, oder?

Ist Pokémon noch Pokémon?

Ohne jetzt vollends philosophisch zu werden und mit “Was ist eigentlich Pokémon?” in die Untiefen der Metaphysik einzusteigen, kürzen wir die ganze Geschichte ab: Ja, Pokémon ist noch Pokémon. Aber eben das Pokémon der Generation 7. Die Grundspielmechanik ist immer noch dieselbe. Was sich geändert hat, sind die neuen Inhalte, neue Funktionen, die helfen und unterstützen sollen, und eine neue Story, die es wagt von der vorherigen Grundformel abzuweichen. Das Ganze bedeutet aber nicht, dass statt Monster fangen, trainieren, eine Region bereisen und am Ende Champ werden, nun bei Pokémon nur noch Plüschbällchen verhätscheln und Cutscene gucken angesagt ist.

Es ist wohl eine Crux des Erwachsenwerdens sich zunehmend auf die Sachen, die einem negativ auffallen, zu versteifen und überall nur noch die Fehler zu sehen. Genauso, wie es anscheinend wirklich möglich ist, das Spielen zu verlernen. Anstatt sich auf das Positive zu konzentrieren und sich einen Weg zu suchen, das einst geliebte Spiel trotz einiger Neuerungen, die einem sauer aufstoßen, zu genießen, kehrt man dem Franchise verbittert den Rücken und stürzt sich in Selbstmitleid. Boo-hoo, die neueste Version meines Lieblingsspiels gefällt mir nicht mehr!

Genwunning (= Gen-one-ing = Nur die erste oder erste und die zweite Generation der Spiele als “richtig” ansehen; damit verbunden ist ein oftmals irrationaler Hass auf sämtliche neuere Spielgenerationen) ist nichts Neues in der Pokémon-Community und erlebt mit jeder neuen Generation wieder eine neue Erfolgswelle. Als Pokémon-Fan ist man es daher gewöhnt auf ehemalige Mitspieler zu treffen, die einem erklären, warum das neue Spiel, mit dem man gerade so viel Spaß hat, grottenschlecht und der Todestoß des Franchise ist. Toll ist aber, dass sich darauf genau dasselbe Prinzip anwenden lässt wie auf die Erleichterungsfeatures in den Spielen: Ignorieren funktioniert super und lässt einen das Spielerlebnis völlig unbeeinträchtigt erleben.

Trotzdem komme zumindest ich persönlich nicht umhin, auch ein wenig Mitleid für den einstigen Bruder im Geiste zu empfinden und würde gerne etwas dazu beitragen, dass dieser seine Meinung vielleicht nochmal überdenkt und zum Spaß zurückfindet. Es soll dabei nicht darum gehen zu missionieren oder Dinge in den Himmel zu loben, die nicht perfekt sind, aber ich möchte Denkanstöße dazu geben, die Dinge differenzierter zu betrachten. Vielleicht sehen einige verhasste Neuerungen gar nicht mehr so schlimm aus, wenn man versteht, warum sie gekommen sind. Oder wenn man einfache Wege findet, sie zu umgehen. Mir selbst gefallen selbstverständlich auch nicht alle neuen Features, aber für mich machen sie das Spiel nicht kaputt, weil ich nach wie vor mein geliebtes Franchise wiedererkennen kann.

Mein persönliches Fazit zu Sonne und Mond

GameFreak ist einen gewagten Schritt gegangen und hat sich an mehrere Funktionen herangewagt, die bisher fester Bestandteil aller Hauptspiele waren. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die 7. Generation auch noch andere Neuerungen mit sich bringt. Meiner Meinung nach sowohl gute, als auch schlechte.

Ich hätte nie unterschrieben, dass Pokémon ein Spiel ist, was man wegen der Story spielen kann. Das ist es auch jetzt noch nicht. Aber auch ich muss zugeben, dass Sonne und Mond hier im Vergleich zu den restlichen Spielen einen riesigen Fortschritt gemacht haben. Es gibt sowas wie überraschende Wendungen, nachvollziehbare Handlungsstränge und sogar ein glaubhaftes böses Team. Besonders hervorheben möchte ich aber, dass ich zum ersten Mal eine wirkliche Charakterentwicklung im Spiel feststellen konnte. Versucht wurde das ja schon einmal in der 3. Generation mit Heiko, dort ist es aber mehr schlecht als recht gelungen, wohingegen Lillies Entwicklung in der 7. Generation wirklich realistisch ist. Auch ansonsten sind die meisten Charaktere klar definiert und gut entwickelt. Tali kann man mögen oder nicht. Meinen Geschmack trifft er nicht und auch ich hätte mir lieber einen anspruchsvolleren Rivalen gewünscht. Insgesamt sind die Charaktere und die Story an sich für mich aber eindeutig ein Pluspunkt des Spiels.

Zum Schwierigkeitsgrad lässt sich ganz sicher sagen, dass die 7. Generation auch für Neueinsteiger problemlos spielbar ist. An vielen Stellen wird man vom Spiel an die Hand genommen und bekommt Hilfestellungen. Trotzdem ist auch für alte Hasen noch genug Anspruch da. Man muss schließlich nicht jedes Pokémon-Center in Anspruch nehmen, schon gar nicht mehrfach. Außerdem bietet sich so die wunderbare Gelegenheit mal eine Nuzlocke zu spielen, die man relativ sicher auch beenden kann. Oder wie wäre es mal mit einem Durchgang, in dem man nur einen bestimmten Pokémon-Typen verwendet? Hieran wird auch gleich erkennbar, dass das Spiel durchaus auch einen Wiederspielwert besitzt, denn nicht alle Herausforderungen lassen sich in einem einzigen Spieldurchgang austesten.

Trotz des generell eher niedrigen Anforderungsniveaus finden sich doch ab und an mal Stellen, die auch für erfahrene Spieler überraschend knifflig sind und schwupps steht man plötzlich doch mit einem stark dezimierten Team da.

Ob die 7. Generation mein Favorit wird, weiß ich noch nicht, dazu habe ich noch zu wenig Spielzeit damit verbringen dürfen. Zur Zeit genieße ich es einfach nur mich in einer neuen Generation mit neuen Pokémon austoben zu können: Pokémon fangen, tauschen, Shinys suchen, züchten, Teams zusammenstellen. Eben das, was mir früher auch schon Spaß gemacht hat – nur eben mit noch mehr Möglichkeiten!

In diesem Sinne: Auf nach Alola!

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