Kein Shooter! Kein Half Life!


“Das heimliche Half Life 3!” – Caspar von Au, Süddeutsche Zeitung
“It’s like Half Life and System Shock had a baby!” – Robert Jones, T3.com
“Ein Shooter wie Half Life!” – GameStar

Half Life Half Life Half Life.
So geht also Videospieljournalismus heutzutage. Verkaufen statt Verstehen. Vor zwei Tagen erschien das Prey-Reboot von Arkane Studios und Bethesda Softworks für PC, Xbox One und Playstation 4. Endlich. Gott sei Dank. Die Vorberichterstattung war schon längst unerträglich geworden.

In allen Elektrofachmärkten, GameStops und wahrscheinlich inzwischen auch in eurem eigenen Elternhaus (geht lieber mal nachschauen!) dürfen wir seit Monaten auf großen Plakaten jenen mittlerweile legendären Satz der GameStar lesen, demzufolge Prey ein Shooter und Valves Debütwerk von 1998 sehr ähnlich sei.

Diese Marketinglüge, denn nichts anderes ist dieser Satz, hat sich für Bethesda also auf jeden Fall gelohnt. Ob es nun um “die coolsten Waffen seit Half Life” ging, ob angeblich “die Mimics wie die Headcrabs in Half Life” funktionierten oder man “wie in Half Life einen Wissenschaftler mit Werkzeug als Waffe” bedient – kein anderes Gaming-Magazin hat sich mit so viel Hingabe und Energie darum bemüht, die Gleichung “Prey = Half Life” in sämtliche Köpfe einzustricken, wie die Münchner Kollegen.

Wer jetzt, nach Release, die Steam-Reviews liest, stößt immer und immer wieder auf dieselbe Auffassung. Und auch allerlei andere Plattformen nutzen gerne und häufig den so öffentlichkeitswirksamen und gut verkäuflichen Vergleich zu GabeN’s Jahrhundertspiel.

Mit jeder neuen Information, die über Prey nach außen drang, wurde die Dialektik und Verdrängungsfähigkeit der als Redakteure getarnten Werbefachleute deutlicher. Die Schlagzeilen lasen sich eben gut, und noch besser ließen sie sich auf Plakate drucken. In den Preview-Tests (bei GameStar übrigens kostenpflichtig!), gut versteckt, mitunter auch zwischen die Zeilen gerutscht, reckt dann aber doch die Wahrheit vorsichtig ihr zartes Haupt empor. Dass man Prey nicht als reinen Shooter verstehen dürfe, da es nur über zwei Schusswaffen, wenig Munition und unterdurchschnittliches Gunplay verfüge, man es faktisch nicht allein mit Pistole und Schrotflinte durchspielen könne – all das erfährt der Kunde eher hintenrum, geflüstert, nach intensiver Suche. Eine Suche, von der ich nicht voraussetzen würde, dass jeder Lust auf sie hat.

Auf unserem Twitter-Account habe ich bereits gewarnt, man möge die (leider Konsolen-exklusive) Demo spielen, bevor man sich das Spiel kauft. Nun möchte ich es noch einmal in aller Deutlichkeit sagen: Prey ist weder ein Shooter, noch ist es Half Life!

Ob ich es schaffen werde, eine vollständige Analyse und Kritik von Prey anzufertigen, steht noch in den Sternen. Bisher ist es noch zu früh für mich, um Urteile abzugeben. Der exklusive Service, den ich euch momentan anbieten kann, ist eine Liste der großen und kleinen Dinge, in denen sich Bethesdas neuster Wurf von, so ehrlich will ich sein, meinem persönlichen all-time favorite game unterscheidet. Falls ihr Half Life also nur vom Hörensagen kennt (was ihr ändern solltet, aber an sich absolut in Ordnung ist), hier ein kleiner Überlick:

  • Half Life 1 (fortfolgend HL genannt) hat kein Stealth-System. Während Prey seine Alien-Gegner mit Sichtindikatoren versehen hat und euch Schleichen als Option wärmstens ans Herz legt, ist HL ausschließlich mit Brechstange oder Knarre zu lösen.
  • HL ist ein lineares Spiel. Während die Talos I in Prey wie ein Metroidvania von Anfang an frei erkundbar und nur durch bisher nicht freigeschaltete Fähigkeiten oder vermisste Schlüsselkarten limitiert ist, führt in der Black Mesa Research Facility stets nur ein Weg ans Ziel. In Prey leiten den Spielern fette Symbole mit auf den Meter genauen Angaben zu seinen nächsten Zielen (Haupt-, Neben- und Fetchquests), HL verlässt sich dagegen auf optisches Feedback, Leveldesign und die eine Story, die es hat. Es gibt auch keinerlei Backtracking in HL. Diese lineare Progression durch eine möglichst unaufdringliche, aber stets zusammenhängende und nachvollziehbare Story ist im Übrigen einer der Faktoren, die wesentlich auf HL zurückgehen und einen Vergleich zu selbigem überhaupt erst bedingen.
  • HL ist ein Shooter. Während Prey, wie bereits erwähnt, nicht allein mit Waffengewalt zu schaffen ist und auf “Kreativität” besteht, wird in HL jede Konfrontation mit der Waffe gelöst. Diese Waffen erstrecken sich von Pistole über Schrotflinte, Sturmgewehr und Revolver bis hin zu exotischeren Werkzeugen, etwa der experimentelleren Tau-Kanone oder Gluon-Gewehr und auch Alienwaffen wie der Hivehand, haben aber ALLE das Ziel, den Feinden Schaden zuzufügen. In Prey dagegen operiert man u.a. mit der Klebstoff-verschießenden Gloo-Gun und einem Nerf-artigen Jägerin-Bolzenschussgerät (beides macht keinen direkten Schaden) und soll seine Umgebung für sich nutzen. Wer es nun GANZ genau haben möchte, kann einwerfen, dass der Bosskampf gegen den Tentakel und in der Erweiterung Opposing Force auch der Kampf gegen den Pitworm nur mithilfe eines Mechanismus’ gelingt. Wir wollen auch nicht so tun, als hätte HL keinen beträchtlichen Anteil an Rätseln. Diese haben allerdings nichts mit dem Kampfsystem zu tun, und auch die beiden genannten Bosskämpfe sind nicht repräsentativ für 99,8% der Auseinandersetzungen.
  • HL hat kein Inventar-, Recycle- und/oder Craftingsystem. Während Prey Munition und Medikits nur spärlich nachliefert und vom Spieler verlangt, gesammelte Materialien zu recyclen und anschließend zu Nachschub zu verarbeiten, kann man in HL erstmal gar nichts sammeln und schon gar nichts selbst bauen. Heilung und Rüstungsreparatur erhält man an stationären Erste-Hilfe- und HEV-Geräten oder durch entsprechende Powerups, die im Level herumliegen. Munition ist zu jedem Zeitpunkt mehr als ausreichend vorhanden, weil Shooter (siehe Punkt 3).
  • HL hat kein Upgrade- oder Skillsystem. Während Prey die Progression dem Spieler überlässt und ihn sich durch Neuromods und Chipsätze auf mehreren verschiedenen Skilltrees verbessern lässt, bleibt Gordon Freeman von Anfang bis Ende dieselbe Person. Entscheidende Qualitätsunterschiede stellen sich nur in dem einen Moment ein, da er seinen HEV-Anzug überstreift, oder eben, wenn er eine neue Waffe erhält. Der Rest ist die analoge Lernkurve des Spielers.
  • Gordon Freeman hat keine Superkräfte. Während Morgan Yu in Prey im Laufe des Spiels an so genannte Psi-Kräfte gelangt und schließlich auch Alien-Fähigkeiten erhält, beschränkt sich Dr. Freemans einzige interdimensionale Zusammenarbeit in HL auf die Nutzung einiger Alienwaffen. Abgesehen davon ist er Mensch und darf es sein.
  • HL spielt nicht im Weltraum. Nur, weil Aliens vorkommen, ist die Story nicht deckungsgleich. Während Morgan Yu die Station mitunter in Richtung Weltall verlässt und durch das große Nichts schwebt, finden die meisten von Gordon Freemans Abenteuern auf der Erde statt. Lediglich das finale Kapitel Xen spielt sich in fernen Galaxien ab, und auch das hat mit Raumstationen, die in die Brüche gehen, nichts zu tun.
  • HL hat keine Status-Effekte. Während man in Prey ängstlich, hungrig, verstrahlt und sogar besoffen sein kann, kennt Gordon Freeman nur zwei verschiedene Zustände: lebend oder tot.
  • HL hat 19 verschiedene Gegnertypen. Eine Zahl, von der Prey nur träumen kann…
  • HL hat keine Textlogs, Audiologs, E-Mails, Notizen, Lehrbücher. Hier hat sich Prey eher bei Bioshock, Doom 3 oder Alien: Isolation bedient.
  • und vieles mehr…

Wie ihr seht, sind die paar winzigen Parallelen, die man zwischen beiden Spielen möglicherweise finden mag, nicht im Mindesten auch nur gleichauf mit den Unterschieden. Ohne etwas über die Qualität des Spiels an sich auszusagen: Prey ist kein Shooter, und es ist nicht wie Half Life, und wenn eure Kaufentscheidung davon ausging, einen Ersatz für Letzteres zu ergattern, solltet ihr davon schnellstmöglich Abstand nehmen.

Vor allem angesichts der Masse an wahrhaftigen Shootern, die wahrhaftig in der Tradition von Valves Meilenstein stehen. Hier eine Hand voll Empfehlungen von meiner Seite:

  • Black Mesa (HD-Remake des ersten Half Life mit reichlich neuem und verändertem Content)
  • Doom 3
  • Titanfall 2
  • F.E.A.R.
  • Prey (2006)
  • ein Haufen Mods für Half Life 2

Ich hoffe, ich konnte ein wenig weiterhelfen. Und vielleicht den ein oder anderen davon abhalten, zwischen 30€ und 70€ für ein Spiel auszugeben, das nicht hält, was alle Welt ihm davon verspricht.