The future’s future’s future – Unser Fazit zur E3 2017

Es wurde auch langsam Zeit! Drei Wochen sind inzwischen vergangen, seit die Electronic Entertainment Expo in Los Angeles ihre Pforten schloss und uns aus einem der hektischsten Wochenenden des Jahres entließ. Jene Veranstaltung, die wie kaum eine andere im Gaming-Bereich Hype und Enttäuschung, Begeisterung und Verzweiflung, “einen geregelten Biorhythmus anstreben” und “um 5:30 Uhr früh Mountain Dew trinken” miteinander vereint.

Was passiert ist, was wir gesehen oder nicht gesehen haben, das ist mittlerweile hinlänglich festgehalten. Jedoch: als hätte uns das je davon abgehalten, unseren Senf dazuzugeben! Daher wollen auch wir bei dieser Gelegenheit noch einmal Bilanz ziehen und rekapitulieren, was uns gefreut oder frustriert hat und was wir persönlich von der diesjährigen Messe mitgenommen haben.

Eriks Fazit

Die diesjährige E3 hat mich leider größtenteils kaltgelassen. Das soll nicht heißen, dass nichts gezeigt wurde, was mich interessiert. Eher wurde nichts gezeigt, was mich so mitriss, wie es in den letzten zwei Jahren der Fall war. Um den Elefanten im Raum direkt anzusprechen: Ich beziehe mich mit dieser Aussage hauptsächlich auf Sony. Ihre Konferenz war in meinen Augen eher ernüchternd, was allerdings eine natürliche Folge ihrer letzten Auftritte ist. Nach The Last Guardian, FF VII HD, Shenmue 3, oder der Ankündigung eines neuen Kojima-Spiels, ist es schwierig, sich Jahr für Jahr aufs Neue zu überbieten. Dementsprechend war es nun an der Zeit, nicht nur anzukündigen, sondern auch zu zeigen. Da mich Spiele mit folgenden Inhalten:

  • Zombiehorden
  • in der Hocke durchs Unterholz watscheln
  • Superhelden
  • hüfthohen Deckungen
  • Hack-And-Slays mit Über-der-Schulter-Kamera (Inklusive Massenmördern, die plötzlich zu liebenden Vätern mutieren. Wenn ich schon dabei bin. Das neue Gameplay weckt bei mir Erinnerungen an Ryse: Son of Rome. Wenn ich God of War sehe, möchte ich nicht an Ryse: Son of Rome denken)
  • Skriptorgien
  • Quick-Time-Event-Orgien

eher peripher tangieren, waren alle größeren IPs Sonys für mich weitestgehend irrelevant. Persönliche Highlights waren, so unspektakulär es klingt, tatsächlich das komplette Remake von Shadow of the Colossus, welches mit zwei Steuerungsoptionen und den aus der Originalversion entfernten Kolossen auftrumpfen will, sowie die Retailversion/Collector’s Edition von Undertale (die immer noch als “coming soon” gelistet ist, Toby, mein Boy, warum tust du mir das an, ich würde dir dafür sehr viel Geld geben, auf der Website steht “coming this summer”, also bitte). Dem/der aufmerksamen LeserIn wird vielleicht aufgefallen sein, dass ich Monster Hunter: Za Warudo weder erwähnt noch darauf angespielt habe. Leider habe ich noch nie Monster Hunter gespielt, weswegen ich dazu nicht viel sagen kann. Den Monster-Hunter-Fans scheint es zu gefallen, wenn sie auch etwas missmutig aufgrund des ausbleibenden Release von Monster Hunter: XX im Westen sind. Detroit: Become Human gibt’s ja auch noch. Eh. Ich lasse die Yoko Taro vs. Cage Memes für sich sprechen. Jason!

Ich mag mich vielleicht damit unbeliebt machen, aber die restlichen Konferenzen waren für mich, wie eigentlich jedes Jahr, nur nettes Beiwerk. Der Wein zum Sony-Hauptgang, der je nach dem, was mir der Kellner empfiehlt, mal besser und mal schlechter ausfällt. Das soll jedoch nicht heißen, dass sie mir vollkommen egal waren: auch bei den anderen Größen der Industrie waren einige Titel dabei, die mit ein wenig Augenklimpern direkt meine Aufmerksamkeit gewannen. Code Vein is the Dark Souls of Anime Dark Souls. Als fellow weeb werde ich es mir wahrscheinlich schon zum Launch zulegen. Selbstredend war ich, um meiner Rolle als pretentious video game hipster™ dieser Redaktion nachzukommen, mit der Ankündigung eines neuen Life-is-Strange-Ablegers überaus zufrieden. Last Night hatte mich schon, als ich den Artstyle sah, nach wenigen Sekunden um den Finger gewickelt. Der Rest des Trailers war das Äquivalent zu “seinem Date gar nicht mehr richtig zuhören, weil man darüber nachdenkt, wie wohl die gemeinsamen Kinder aussehen würden”. Für Ori and the Will of Wisps werde ich voraussichtlich noch etwas Zeit brauchen. Bisher habe ich noch kein modernes Metroidvania gespielt. Meinen Einstieg in das Genre wird das momentan von vielen angepriesene Hollow Knight darstellen, welches ich mir vor ein paar Tagen beim letzten Steam Sale gekauft habe. Je nach dem, wie sehr mir das Genre zusagt, bekommt Ori and the Blind Forest einen Versuch, und wenn mir das ebenfalls gefällt, ist The Will of Wisps dran. Die Chancen stehen allerdings recht gut. Die  a e s t h e t i c s sind genau mein Fall. Apropos Ästhetik: Last but not least ein paar Worte zu Cuphead. Es sieht immer noch wunderschön aus. Dieser Fünfzigerjahre-Grafikstil wird meiner Meinung nach viel zu selten verwendet. Einige Elemente aus Klassikern wie Megaman oder Battletoads scheinen auch ihren Weg in den Porzellanladen gefunden zu haben. Ein Releasedatum ist endlich gegeben. Ich bin gespannt. Microsoft zeigte vielleicht keine Spiele, die mich wirklich umhauten, dafür aber genug, die mich interessieren. Kann ich mich nicht drüber beschweren.

Bethesda ging größtenteils an mir vorbei. Eine Wolfenstein-Fortsetzung ist nett, I guess, wenn sie nicht wieder versuchen, mir zu verkaufen, dass BJ eigentlich ein emotionales Wrack ist, während er zehn Minuten später Nazis im “Super-Value-Familienpack – 50 Stück für nur 2,99€” lyncht. Ich möchte den Zuständigen gerne einen Brief schicken, in dem sich ein Screenshot der Definition von ludonarrativer Dissonanz befindet. Die Todd-Howard-Meme-Machine ratterte gewaltig, nachdem der Götterdev uns erneut Skyrim andrehen wollte. Ein Releasedatum für Quake: Champions gibt es immer noch nicht. Schade.

Ubisoft war halt Ubisoft. Und Ubisoft ist halt kein Dark Souls. Mein Interesse an Assassin’s Creed und Far Cry ist seit 2012 tot. Auch 2017 gab es wieder Skilltrees, Open-World, Lager infiltrieren, und so weiter und sofort. Reichte dann auch. Es war nett, Beyond Good & Evil 2 lebendig zu sehen, schließlich ist das keine Selbstverständlichkeit. Bisher sind sich viele noch unsicher, wie viel BGE 2 mit dem Original zu tun haben wird. Ich hoffe nur, dass die Fans nach der langen Warterei nicht enttäuscht werden.

Nintendo habe ich nicht geschaut, bin aber froh, dass Nintendo-Anhänger endlich Metroid Prime 4 bekommen. Tim wird euch zu dieser PK mehr erzählen können.

Alles in allem: Sehr oft sehr lange wach geblieben, nicht viel als Gegenleistung bekommen, aber ein paar Glücksgefühle kamen trotzdem auf. Im Prinzip wie ein typischer Abend in Overwatchs Ranked Modus.

Tims Fazit

Ich will gleich ehrlich sein: für mich war dies Jahr nichts dabei. Meine Tops und Flops waren allesamt schon lange vorher Folklore, und so, wie ich sie mir ausgemalt hatte, habe ich sie letztlich auch serviert bekommen. Was nicht heißen soll, dass ich 2017 ganz ohne Begeisterungsmomente auskommen musste. Nach der erwartungsgemäß überflüssigen EA-Pressekonferenz mit dem Skriptspektakel Need for Speed: Payback und dem nichtssagenden 40-Sekunden-Teaser zur neuen Bioware-IP Anthem, beeindruckte mich das Microsoft-Showcase am Folgetag zum Beispiel umso tiefer. Eine geradezu Sony-eske Kaskade an Weltpremieren, spannenden (zeit-)exklusiven Titeln und vor allem erfreulich nahen Release-Terminen. Tatsächlich, die Xbox-Show hatte regelrecht SPIELE zu zeigen! Wer hätte unseren smaragdgrünen Freunden aus Redmond das noch zugetraut?

Was Bethesda dagegen veranstaltete, kam einer Arbeitsverweigerung gleich. Keinerlei Überraschungen, das obligatorische Skyrim und langes entnervendes VR-Blabla. Nur Wolfenstein 2: The New Colossus, im Vorfeld mein meisterwartetes Spiel der Messe, konnte mit einem äußerst liebevoll produzierten Story-Trailer Sympathien gewinnen…

…die es allerdings alsbald wieder verspielte, als im weiteren Verlauf der E3 Informationen an die Öffentlichkeit gerieten, die mir die Vorfreude ordentlich verhagelt haben. Was war das zentrale Problem von Wolfenstein: The New Order? Es hatte eine unnötig fette, übertrieben melodramatische Story, die in einem over-the-top-Nazi-Abknall-Shooter ohne Wenn und Aber nichts verloren hatte. Was soll Teil 2 bekommen? Insgesamt DREI (in Zahlen: 3) Stunden Cutscenes mit 100 Schauspielern. Wow.

Wie es jetzt weitergeht, ist nicht schwer zu erraten. Bis Ende Oktober wird man uns mit auf Uber-Trash getrimmten Scherzkampagnen im vertrauten Nazi-Denglisch das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Man wird uns amüsieren mit Bildern von ‘Gretchens Wurstchenbunker’ und ‘Der Fuhrer’s Original Heimatbeer (the Finest in ALL the Reich!)’. Und letztlich werden wir eben doch wieder das tragisch schlecht geschriebene Schicksal der Widerstandskämpfer beweinen, das, und darauf würde ich Wetten abschließen, erneut nicht weniger als die Hälfte der Spielzeit einnehmen wird. Ich hatte so gehofft, der vielversprechende Trend von The Old Blood würde fortgeführt werden. Meine Tränen der Enttäuschung könnten Meere füllen. Vorbestellung storniert.

Die eigentlichen Tiefpunkte der Messe stellten für mich aber Ubisoft und Sony dar. The Crew 2, die Fortsetzung zu meinem liebsten Rennspiel der letzten Jahre, erwies sich als überflüssiger als eine Studie im ADAC-Mitgliedermagazin. Das hervorragende Free-Roam-Gameplay des Vorgängers aus den USA schlicht an einen anderen, ungewohnten Standort zu verlegen (Europa? Südamerika? Asien?), hätte einen Nachfolger bereits mehr als legitimiert. Stattdessen bleibt die Spielwelt die gleiche, nur ohne Story und dafür mit Booten und Flugzeugen. Denn wenn wir eins lieben, dann sind es Spiele, die nicht auf einem bestimmten Gebiet brillieren, sondern in denen man alles mögliche halt so’n bisschen tun kann. Und Autofahren ist ja schließlich das allerletzte, auf das ich in einem Rennspiel zu tun Lust hätte.

Sony dagegen gelangen zunächst ein paar hübsche Überraschungen, zum Beispiel Monster Hunter oder das Remake von Shadow of the Colossus, das ich Erik von Herzen gönne. Die zweite Hälfte der erwartbar unspektakulären Pressekonferenz wurde jedoch eine Paradevorführung für vieles, das momentan im AAA-Bereich falsch läuft. Allen voran fühlte ich mich von Days Gone geradezu persönlich beleidigt, von diesem Open-World-Rednecks-in-der-Zombie-Apokalypse-an-verlassenen-Tankstellen-im-Wald-Actionspiel, das so unverschämt generisch ist, wie ich es mir nicht schlimmer hätte ausdenken können. Gezeigt wurde eine endlos lange und aggressiv langweilige Sequenz, die vermutlich Gameplay hatte sein wollen. Nahezu sämtliche Interaktion bestand aus Quick Time Events.

Ein ähnliches Problem hatte das vorgeführte Material zum Spiderman-Spiel, das sich auf der einen Seite mit großen Händen an der Batman-Arkham-Serie bediente, was das einzig sinnvolle Konzept für diese Art Spiel ist. Auf der anderen Seite bestand der Großteil der Präsentation aus Skripts und – erraten! – Quick Time Events. Wie dieses Spielelement, das genau so der optischen Opulenz zuträglich wie spielerisch unmöglich ist, sich so stark und immer weiter durchsetzen konnte, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Wäre ich Spiderman-Fan, wäre ich enttäuscht. So bin ich (zum Glück?) nur angepisst. Und das vergeht schnell.

So war es letzten Endes Nintendo, die den Showcase-Part der E3 positiv abschlossen und mir mit drei einfachen Worten noch einmal ein Lächeln auf’s Gesicht zaubern konnten: Super Mario Odyssey. Ein Spiel, auf das ich seit dem Reveal im Januar große Hoffnungen setze und das mich nun mit seiner Vielfalt umwarf, musikalisch, optisch und vor allem in Sachen Gameplay. Ich bin fest überzeugt, dass Odyssey der große Hit des Jahres werden wird, und vielleicht eines der besten Mario-Spiele ALLER Generationen. Wie ich weiter über Nintendos aktuelles Line-up denke, habe ich in meinem kürzlich veröffentlichten Podcast berichtet. Es würde mich also freuen, wenn ihr ihn euch anhören würdet, falls ihr das noch nicht getan habt.

Obwohl ich konkret sehr viel zu meckern hatte, lasse ich persönlich diese E3 mit zwar gemischten, aber eigentlich doch positiven Gefühlen hinter mir. Die Shows waren viel weniger unangenehm anzuschauen als in vergangenen Jahren. Das rasche Vorführen immer weiterer interessanter Titel setzt sich als Methode mehr und mehr gegen das endlose Zelebrieren der alljährlichen Toptitel durch; eine Entwicklung, die mir sehr zusagt. Und letztlich ist das Wissen darum, dass diese Messe mit Metro, Ori, Metroid, Beyond Good & Evil 2, Monster Hunter und vielem mehr sehr viele Spieler sehr glücklich gemacht haben dürfte, doch deutlich befriedigender als der Ekel vor dem immergleichen, immermiesen. Und selbst das gehört ja irgendwie dazu.