Golf Story

Entwickler: Sidebar Games
Publisher: Sidebar Games
Plattform: Nintendo Switch
Release: 28. September 2017

Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht auf Pascals eigenem Blog.

Die grundlegende Prämisse von Golf Story klingt sehr nach der des 2016er-Indie-Hits Stardew Valley. Ein junger Mensch zieht sich aus dem geschäftigen Leben des 21. Jahrhunderts zurück, um stattdessen einer Leidenschaft fernab des digitalen Trubels zu frönen.

In Stardew Valley war es das Aufbauen einer Farm, die der Großvater des Burnout-gefährdeten Spielercharakters diesem vermacht hat. Golf Story erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich auf einem ähnlichen Tiefpunkt seines Lebens befindet. Frustriert und von seiner Ehefrau verlassen, entscheidet er, seinem Kindheitstraum nachzueifern und Profi-Golfer zu werden.

Beide Geschichten bieten mit ihren für den Ottonormal-Spieler ungewohnten Berufsfeldern Eskapismus in reinster Form. Es ist kein Wunder, dass beide Spiele so sehr mit dem Publikum der heutigen Zeit resonieren. Wir leben in einer Ära der Reizüberflutung. Aus jeder Ecke schallt das Klagen darüber, dass heutzutage alles immerzu komplizierter und stressiger würde. Das entspannte Betreiben einer Farm oder das gemütliche Golfen inmitten der Natur bieten da einen mehr als willkommenen Gegenpol.

Doch die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Spielen enden nicht an dieser Stelle. Beide kommen in einem farbenfrohen und unbeschwerlichen Comiclook im 16-Bit-Stil daher. Außerdem stecken beide Spielwelten voller quirliger Charaktere, mit denen der Spieler lustige und kurzweilige Unterhaltungen führen kann.

Dennoch bin ich persönlich mit Stardew Valley absolut nicht warm geworden. An dieser Stelle sei auch gesagt, dass mein Wissen über das Spiel lange nicht mit dem etlicher Leute mithalten kann, die dutzende Stunden in ihre kleine Farm investiert haben. Wie auch immer – Stardew Valley hat mich bestenfalls anfänglich kurz fasziniert, hat dann aber ziemlich schnell an Reiz verloren. Für ein Spiel, welches mir eine Flucht vom grauen Alltag bieten möchte, ähnelte das gesamte Spielprinzip für mich immer noch zu sehr einer gewöhnlichen Arbeitswoche. Die täglichen Aufgaben eines Farmers waren mir schlicht zu anstrengend, um Entspannung bieten zu können. Stardew Valley gibt dem Spieler für besagte Aufgaben zwar alle Zeit der Welt, aber ich bin für gewöhnlich jemand, der alles so effizient wie möglich angeht. Somit wurde das Spiel mit seinem langsamen Tempo und seinen undurchschaubaren Mechaniken für mich schnell stressiger und frustrierender als das reale Leben, welches es mich vergessen lassen wollte.

Ich kann zu einem gewissen Grad nachvollziehen, weshalb viele Spieler Gefallen daran finden, in Stardew Valley jeden Ingame-Tag perfekt durchzuplanen und dann ihre To-Do-Liste abzuarbeiten. Mir persönlich ging bei diesem Spielprinzip die größte Stärke des Spiels – der Entspannungsfaktor – leider abhanden.

Umso überraschter war ich während der letzten Wochen davon, wie perfekt Golf Story genau dieses Bedürfnis erfüllt. Als ich Golf Story zum ersten Mal in einem Trailer gesehen habe, war ich ziemlich skeptisch. „Golf? Damit kann ich sogar noch weniger anfangen als mit jeder anderen Sportart.“ Und genau dieser erste Eindruck scheint auch der Konsens unter sämtlichen Personen zu sein, denen ich das Spiel bisher empfohlen habe.

Ja, Golf ist vielleicht nicht der Sport, mit dem sich der durchschnittliche europäische Videospiel-Fan in seinen 20ern identifizieren kann. Aber das Betreiben einer Farm ist es doch genau so wenig, nicht wahr? Der einzige Unterschied ist, dass populäre Spielereihen wie Harvest Moon im Farming-Genre seit den 90ern schon ein wenig Pionierarbeit geleistet haben.

Golf Story hat mich von der ersten Sekunde an mit seinem Charme gefangen genommen. Dem Spiel strömt die Liebe zum Detail aus allen Poren. Angefangen bei der wunderschön im Wind wiegenden Pixelfauna bis hin zu den Soundeffekten, die das Entwicklerteam dem HD-Rumblefeature der Switch-Controller entlocken… (wie auch immer sie das angestellt haben). Jeder Dialog des Spiels bietet charmanten Slapstick, bei dem die Gestaltung der Textboxen selbst zum Humor des Spiels beiträgt.

Unter dieser herzerweichenden Präsentation verbirgt sich ein grundsolides Golf-Videospiel – ein Genre, von dem ich bisher nie geahnt hätte, wie gut es mir gefallen könnte. Darüber hinaus verwendet das Spiel seine Golf-Spielmechaniken für allerlei andere kleine Herausforderungen. Abstruse Aufgaben wie das Duell gegen einen großen Zauberer mittels Golfballbeschuss sind da nur die Spitze des Eisbergs im verrückten Alltag des Protagonisten.

Die wahre Stärke von Golf Story, die es für mich zu einem „besseren Stardew Valley“ macht, liegt in erster Linie im strukturierteren Missionsdesign. Während Stardew Valley sich während meiner – zugegebenermaßen kurzen – Spielzeit häufig danach angefühlt hat, als würde ich sinnlos meine Zeit verschwenden, findet Golf Story durch seine linearen Missionsstrukturen eine bessere Balance zwischen unbeschwerter Entspannung und klassischer Spielerbelohnung. Meistens bietet das Spiel eine bis zwei Hauptmissionen sowie eine größere Anzahl kurzweiliger Nebenmissionen, die dem Spieler dabei helfen, seine Golf-Fähigkeiten zu verbessern. Die aufwendige Planung sowie das Gefühl auf der Stelle zu treten, die mich bei Stardew Valley gestört haben, werden so – wenn auch auf recht konventionelle Weise – umgangen. Aber Konventionalität hin oder her – manchmal funktionieren die simplen Ideen einfach am besten. Gerade für eine so unbeschwerte Spielerfahrung wie Golf Story.

Und ebenso entspannt, wie das Spiel sich selbst gibt, bin ich meinen Spieldurchlauf von Golf Story auch angegangen. Eine gemütliche Stunde alle paar Abende fühlte sich über mehrere Wochen verteilt nach der perfekten Dosis an. Wie die altbekannte, sprichwörtliche warme Decke verschönerte Golf Story meine Wintermonate. Am Ende war ich überrascht, wie traurig ich darüber war, von all den Charakteren, die ich auf meiner Reise zum Profi-Golfer kennengelernt hatte, Abschied nehmen zu müssen. Normalerweise werde ich am Ende eines Spiels eher selten sentimental. Tatsächlich kann ich solche bitteren Abschiede von Spielcharakteren an zwei Händen abzählen (wobei allein die Persona-Reihe fast eine ganze Hand für sich beansprucht). Allein, dass Golf Story es geschafft hat, mich so derartig für seine pixeligen Golfer-Karikaturen zu begeistern, dürfte genug über die Qualität des humorvollen Writings aussagen.

Genau so wenig hätte ich damit gerechnet, nach dem Spielen von Golf Story in Erwägung zu ziehen, andere Golf-Spiele zu kaufen. Vor ein paar Monaten habe ich das neue Everybody’s Golf auf der PS4 noch belächelt. Heute befindet es sich ganz oben auf meinem PSN-Einkaufszettel. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht der einzige bin, der, trotz anfänglicher Skepsis, von diesem vermeintlichen Rentner-Sport überzeugt werden konnte.

Golfen ist halt doch irgendwie immer noch etwas cooler als das Betreiben eines Bauernhofs.

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