Don’t Cry For Me, Game Director – Die Tränen eines Verkäufers

Etwas ist passiert. Etwas eher Kleines, das euch vielleicht unbedeutend erscheint. Vielleicht hättet ihr es auch nur am Rande registriert. Aber es ist von derart missverständlicher und fragwürdiger Natur, dass man darüber mindestens diskutieren muss.

Vor wenigen Stunden hat Cory Barlog, der Director des heute offiziell erscheinenden God of War, über seinen Twitter-Account folgendes Statement veröffentlicht:

Für unsere Englisch-unkundigen Leser: er wünscht einen “fröhlichen God-of-War-Veröffentlichungstag”, erklärt dann, dass er sich unsicher war, das beigefügte YouTube-Video zu posten, es aber letztlich doch tun wollte, um als guter Vater seinem Sohn zu zeigen, dass es okay sei, zu weinen. Zuletzt warnt er noch davor, das Bildmaterial sei “ein bisschen traurig”.

Im Video selbst erklärt er zunächst sein Vorhaben: er will sich zum ersten Mal die jüngsten Kritiken zu dem Spiel ansehen, an dem er mit seinem Team fünf Jahre gearbeitet hat, und sei gerade sehr nervös. Wir ahnen, was er sieht, nämlich eine Reihe an 10/10-Reviews, die das Projekt in den höchsten Tönen loben. Einen Metascore von 94% (aus zu diesem Zeitpunkt 52 Kritiken) erwähnt er, während die Tränen ihn bereits übermannt haben. Sie fließen noch einige Minuten weiter, dann bedankt er sich gerührt bei allen, die an der “langen Reise” beteiligt waren, zitiert noch die Eurogamer-Kritik, und beendet das Video.

Nun ist es selbstverständlich sein gutes Recht, über seinen persönlichen Twitter-Account frei zu verfügen und zu veröffentlichen, was immer er veröffentlichen will. Die Frage ist aber: sollte er so etwas tun? War es klug und richtig? Ich sage zu beiden Fragen entschieden und deutlich: nein, auf keinen Fall! Schon allein, weil er mich damit zu etwas zwingt, auf das ich eigentlich keine große Lust habe – sein Spiel zu verteidigen.

Wer nämlich wiederum meinem bescheidenen Twitter-Account folgt (an dieser Stelle ganz bewusst nicht verlinkt), der wird wissen, wie ich zum neuen God of War stehe. Für alle anderen: ablehnend. Tatsächlich repräsentiert der neue große Sony-Exklusivtitel für mich eine Fülle an Zuständen und Entwicklungen im Videospiel-Bereich, der mich selbigem immer weiter entfremdet. Ich möchte es mir sparen, hier ins Detail zu gehen. Ein Podcast zu diesem Thema ist in Planung.

Und doch muss ich das Spiel jetzt in Schutz nehmen, denn das, was der ehrenwerte Cory Barlog seinem Werk antut, hat es nicht verdient. Er begeht – und ich unterstelle ihm ausdrücklich keine böse Absicht dabei – gleich mehrere schändliche und schadhafte Sünden, auf die wir, denen uns Videospiele doch so sehr am Herzen liegen, umgehend hinweisen sollten. Denn es schafft einen potentiell gefährlichen Präzedenzfall, und wie wir von DRMs, DLCs, Microtransactions und weiteren Fehlentwicklungen in der Spiele-Geschichte gelernt haben, sind Präzedenzfälle nie zu unterschätzen.

Fassen wir noch einmal zusammen, was Barlog da getan hat: er hat am Erscheinungstag des Spiels, dessen Director er ist, ein Video von sich veröffentlicht, in dem er vor Freude über die positive Presse-Resonanz hemmungslos weinen muss, und erklärt im dazugehörigen Tweet und in der Videobeschreibung, er tue das für seinen Sohn, der lernen solle, dass es nicht schlimm ist, vor anderen zu weinen.

Ich erlaube mir, eine Suggestivfrage zu stellen, die der Kern meines Problems mit dieser Aktion ist: welchen Wert haben die Tränen eines Verkäufers? Denn auch, wenn wir uns Videospielentwickler gern als engagierte, leidenschaftliche Künstler vorstellen, die einige von ihnen vielleicht auch sind, sie sind trotzdem immer noch Geschäftsleute, die in der Öffentlichkeit stehen, um ihr Produkt so gut wie möglich zu verkaufen. Daran ist auch nichts Verwerfliches zu finden, es ist ihre Arbeit und Aufgabe, das zu tun. Verwerflich können aber sehr wohl die Mittel sein, mit denen sie diese Aufgabe zu erfüllen versuchen. Da ist es auch egal, wie sehr ich oder ihr oder alle anderen ihm seine Freude und seine Tränen abkaufen mögen: prinzipiell muss man davon ausgehen, dass alle öffentlichen Beiträge eines Spielproduzenten zu seinem Werk verkaufsfördernd wirken sollen. Das muss auch Barlog klar sein.

Mit Tränen erzeugt man auf die billigstmögliche Art die billigstmögliche Form von Zuspruch: Mitgefühl. Persönliche Sympathie, die mit dem Produkt an sich in keinem Zusammenhang steht. Er mag damit tatsächlich Menschen erreichen und näher an sein Spiel heranführen, aber auf einer tieferen Ebene beschädigt er es schwer, indem er es nicht für sich stehen lässt. Er beraubt das Spiel der Fähigkeit und der Chance, seine Qualität, wie auch immer sie ausfällt, selbstständig auf dem Markt zu behaupten und sich einer breiten Kundschaft damit attraktiv zu machen. Anders gesagt: er verkauft nicht mehr das Spiel, sondern sich selbst.

Das hat indes nichts damit zu tun, als Persönlichkeit über dem Werk zu stehen. Hideo Kojima, das ist nicht neu, verkauft Spiele mit seinem Namen, der aber für eine Art Qualität steht, die seine Fans schätzengelernt haben. Im Fall von Barlog geht es um rein emotionale Anteilnahme an den Gefühlen des Game Directors, der schwer geschuftet hat und nun die Früchte seiner Arbeit bestaunt, sich dabei menschlich und verletzlich zeigt.

Früchte, die, wohlgemerkt, nicht die wesentlichen sind. Die Kritiken mögen dem einen mehr, dem anderen weniger am Herzen liegen. Fakt ist aber, dass ihr realer Einfluss zumindest bezweifelt werden muss und die Verkäufe, die Rezeption der Spieler und die Halbwertszeit in ihren Leben wie im kollektiven Diskurs das tatsächlich entscheidende Echo darstellen. Um es also gleich vorwegzunehmen: hätte Barlog diesen Schritt in ein paar Monaten unternommen, wenn die bestätigten Zahlen von so-und-so-vielen verkauften Exemplaren vorliegen, würdet ihr diesen Kommentar von mir nicht lesen. All das wäre dann nämlich frei und unbeeinflusst von der Anbiederung des Repräsentaten des Spiels so gekommen, wie es gekommen wäre, und hätte es dementsprechend auch genau so verdient gehabt.

Stattdessen bettelt er, ob bewusst oder unbewusst, auf – Pardon! – armselige Weise um Zuneigung und Wohlwollen gegenüber seinem Spiel, um nicht zu sagen: um Liebe. Seine Tränen sind rührend, seine Arbeit zweifellos beeindruckend, sein Dank an seine Mitstreiter aller Ehren wert, doch letztlich erweckt er damit unweigerlich den Verdacht der Unehrlichkeit und Schamlosigkeit.

Das fängt schon bei dem Grund an, den er dafür angibt, das Video zu veröffentlichen. Seinem kleinen Sohn, der immer weglaufe, wenn er traurig sei, wolle er vermitteln, dass es in Ordnung sei, vor anderen zu weinen. Er, Barlog sr., weine nun schließlich vor der ganzen Welt. “Papa loves you!” – “Papa liebt dich!” – schließt er seine Videobeschreibung. Ob er Helo, seinem Sohn, tatsächlich erzählt hat, dass er ihn dazu benutzt, um im Internet für sein 60 Euro teures Spiel zu werben, das es ab heute überall zu kaufen gibt, exklusiv für die Playstation 4 und sowohl in der Standard wie in der Limited oder Digital Deluxe Edition im PSN-Store mit einem zusätzlichen Rüstungsset und einem In-Game-Schild, oder in der Kombi mit der PS4 Pro im stylishen God-of-War-Custom-Design? Weiß Helo das? Ist das mit dem Weinen die einzige Botschaft, die er davon mitnehmen wird? Solche Fragen drängen sich leider auf.

Müßig, zu erwähnen, dass Teile der Presse bereits wunderbar darauf eingestiegen sind und ihrer Rolle als kritische Berichterstatter einmal mehr alle Ehre gemacht haben. Barlog selbst konnte bisher allein drei Artikel retweeten, von Press Start Australia, GameRevolution und ShackNews, die ihren jeweils zwischen 10.000 und 23.000 Followern das rührende Video empfehlen. Auch Games Radar und der Game Informer äußerten sich bereits gerührt und erfreut über das Video. Barlog wird froh sein, so positiv aufgenommen zu werden, und Sony sich ins Fäustchen lachen. Kostenlose Werbung kann man eben immer gebrauchen, auch dann, wenn man God of War heißt – und auch, wenn man dafür öffentlich weinen muss, um, aber klar doch, seinem Sohn etwas beizubringen.

Hab ich Recht oder bin ich einfach ein herzloser Zyniker? Möchtet ihr widersprechen? Oder gar zustimmen? Lasst es mich bitte unbedingt im Kommentarbereich oder auf Twitter wissen! Dieses Thema sollte dringend diskutiert werden, und es liegt an uns, das zu tun.

[Anmerkung des Autors: da es sich um eine möglicherweise kontroverse Position handelt, die hier bezogen wird, weise ich ausdrücklich darauf hin, dass der Text meine persönliche Ansicht widerspiegelt, nicht die der Redaktion.]

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